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Schnitzer - Latein

 

Das schöne Handwerk

„Ein wunderschönes Handwerk welches sie da ausüben“, höre ich oft. „Sie sehen am Abend was sie über den Tag geleistet haben, am Ende der Woche können sie ihr Werk anfassen“. Das stimmt denn auch, meistens zu mindest. Aber wenn der Kunde mein Werk, das nun seines wird abholt, sehe ich es unter Umständen nie mehr.

Oder wenn ich Ergänzungen geschnitzt habe, die Flickschnitzerei zum Zuge kommt und der Vergolder diese dann fachgerecht vergoldet hat, wo sehe ich meine fertige Arbeit? Desgleichen bei einem antiken Möbel, wenn der Antikschreiner das ersetzte Teil sauber gebeizt und lackiert hat. Ja, das ist die Ironie, welche bei meiner Arbeit zuweilen hereinspielt. Sozusagen, je besser die Arbeit desto weniger sieht man von dieser.

 

 
 
Werkstatt - Aufnahme

Wo ist das Werk nun zu sehen?

 

 

KOPF  UND  HAENDE  BAUTEN  MICH

DEN WILDEN WASSERN TRUTZE ICH

 
 
 

So lautet die Inschrift, welche ich bei der Restaurierung der Rütiplötschbrücke vor etlichen Jahren einmal neu schnitzen durfte. Der Zimmermeister kam auf mich zu und ich schnitzte dann die Zeichen in seiner Abbundhalle in die Frontbretter.  Die Buchstaben sind eine Spanne hoch.

Was mich bei der Arbeit zum Nachdenken brachte, ist, dass die Inschrift, auf den alten mittlerweile zerschundenen Brettern, vom damaligen Holzbildhauer fein säuberlich und fachmännisch gestaltet war, aber die beiden „SS“ von „Wassern“ entstammten einer ganz anderen Schrift als der Quadrata und nicht zum Schriftbild passten. Es ist schon so, dass man den Schriftgestalter am R und am S erkennt, aber das war offensichtlich nicht einer Unbedarftheit zuzuschreiben, sondern ist bewusst so gestaltet worden. Aber warum?

Bei meiner Arbeit an diesem Schriftwerk aus Holz ist mir folgendes in den Sinn gekommen. Dieser Schriftzug muss seinen Ursprung in den dreissiger Jahren gehabt haben. Das „SS“ hatte genau diese Bedeutung und wurde vom damaligen Autor als Gefahr empfunden welcher man trutzen musste. Der Zimmerer konnte mir aber das Baujahr der Brücke nicht sagen, er wusste aber auch sonst nur, dass diese Brücke Ersatz war von einer zuvor Weggeschwemmten.

Heute setzen mehr als das Wasser die grossen Lastfahrzeuge der Brücke zu. Seit meiner Reparatur vor einigen Jahren wurden die Schildbretter mit dem Schriftzug schon etliche Male von Langholztransportern zerfetzt. So konnten sich auch noch andere Schnitzer mit einer Reparatur ein Zubrot verdienen, auch Hobbyschnitzer.

Durch Zufall  fand ich später heraus, die Rütiplötschbrücke wurde im Jahre 1936 erbaut. 

Und nun hat offenbar ein Lastwagen in diesem Sommer auf beiden Seiten der Brücke die Frontbretter mit den Inschriften leider wieder weggerissen. 

 

 Ursprünglicher Schriftzug

Aktueller Schriftzug

 

 

Da war doch dieser Kunde, es ist schon einige Jahre her. Kommt er doch in die Werkstatt und erklärt mir voller Naivität folgendes. Er habe Bekannte, die in Indien lebten und die kennen dort verschiedene Intarsienschneider. Diese machten sehr schöne Intarsienbilder, genau nach Zeichnung und sehr günstig. Er wolle nun sein Familienwappen machen lassen und bräuchte dazu eine gute Zeichnung, nach seinem Siegelring. Da hat sich dieser Kunde wohl ausgedacht, ich würde ihm einen Entwurf seines Wappens zeichnen für sein „Ansinnen“, und erst noch umsonst. Zeichnen kostet ja wohl nichts, oder? Ich gab mich dann etwas schwerfällig von Begriff, verstand seinen Wunsch nicht so recht. Klar, ich hätte ihm gerne sein Familienwappen gezeichnet und die Intarsie dazu gemacht. Aber so? Er hatte dann den Gedanken, einen Grafiker beizuziehen. Ich fand diese Idee ausgezeichnet. Er hatte meine Erfolgswünsche. Ob er mir dann das fertige Werk zeigen wolle, es interessiere mich sehr. Ich vernahm nie mehr etwas von diesem Mann. Mit dem Grafiker war es dann wohl doch teurer als bei mir.

 

 

Ornamentale Ersatzteile

Ein grösserer Restaurationsauftrag stand an: An mehreren Konsoltischen und grossen Spiegelrahmen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ( Funk ) sollten abgebrochene, fehlende Teile ergänzt werden. Verschiedenes Blattwerk fehlte, was ich zu rekonstruieren hatte. Zum Glück hatte man ungefähr 60 Jahre alte Fotografien gefunden, worauf die meisten Verzierungen noch komplett zu sehen waren. Doch ich fragte mich, ob nicht in Laufe der Jahre eine Sammlung von diesen besagten abgebrochenen Ornamentteilen zusammengekommen sei. Deshalb bat ich meinen Auftraggeber, den Blattvergolder, den zuständigen Abwart des Besitzers (einer Organisation) danach zu fragen. So hätte ich diese Teile wieder anpassen und anleimen können, was mit sehr viel weniger Aufwand verbunden gewesen wäre.

Der Abwart wurde angefragt. Es sei nichts Derartiges da, wurde uns beschieden. Also machte ich mich ans Werk. Anhand der Fotos rekonstruierte ich die Fehlstellen. Das gab einiges zu tun. Diese Arbeiten zogen sich über einige Jahre verteilt hin und ergaben einigen Verdienst. Nachdem der Vergolder sein Werk getan hatte, war nichts mehr zu sehen von der „Flickschnitzerei“.

Monate, nachdem die zufriedenen Besitzer alle diese Antiquitäten wieder in Gebrauch genommen hatten, suchte ich wieder einmal den Blattvergolder in seinem Atelier auf. Ich staunte nicht schlecht, als er eine gefüllte Schachtel vom Regal holte und den Inhalt auf dem Tisch ausbreitete: Irgendwie kam mir dieser sehr bekannt vor. Darunter befanden sich viele von den abgebrochenen Blatt- und Rankenteilen, welche ich für die Restauration hätte gebrauchen können. Sofort hätte ich gewusst, wohin welches Teil gehört. Wir haben beide herzhaft gelacht. Der Vergolder erzählte mir darauf, er sei vor kurzem nochmal vor Ort gewesen und da hätte ihm der Abwart diesen Karton mit den Bestandteilen mitgegeben. Ob er dies gebrauchen könne, habe er gefragt. Zu spät!!! Ich habe diesen Abwart während der Arbeitsphase auch hie und da gesehen: Offenbar ein Portugiese, welcher lieber Französisch sprach, was ja in jener Organisation gut möglich ist. Ob es die Sprachunterschiede waren, dass die damalige Anfrage nicht geklappt hatte? .....

 
 

Gästebuch

 

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